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Prof. Dr. Hans-Erich Thomé, Biebertal
hr1 Zuspruch

Wo ich herkomme und was mich prägt
Mein Großvater hatte von heute auf morgen seinen Beruf als Bergmann aufgegeben, weil er, wie er es selbst sagte, seinen Herrn Jesus gefunden hatte. Nun zog er hier in Mittelhessen und im hessischen Hinterland von Dorf zu Dorf, um den Menschen von seinem Glauben zu erzählen. Er war ein Wanderprediger ohne jegliche Ausbildung, aber mit großer Leidenschaft. Für ihn galt: Wes das Herz voll ist, dem geht der Mund über.

Aber die Familie mit fünf Kindern musste auch leben. Deshalb eröffnete meine Oma ein kleines Lebensmittellädchen – damals sagte man noch »Kolonialwaren« – und versuchte, mit dem geringen Erlös und durch die Erzeugnisse in der kleinen Landwirtschaft über die Runden zu kommen.

Meinen Opa habe ich nicht kennen gelernt. Er ist an einem durchgebrochenen Blindarm gestorben, als mein Vater gerade mal fünf Jahre alt war. Aber die Spuren seiner Mission sind noch heute erkennbar.

In dem Tante-Emma-Laden meiner Oma bin ich selbst groß geworden. Schon als Kind stand ich hinter der Theke. Da kam zum Beispiel eine ältere Frau, sie wollte für 10 Pfennig Hefe und ein halbes Pfund Zucker. Aber erst einmal setzte sie sich auf den einzigen Stuhl und erzählte in aller Breite den jüngsten Verlauf ihrer Krankheitsgeschichte. Was ich im Laden zuallererst zu lernen hatte? Nicht verkaufen, sondern zuhören und geduldig bleiben.

Beides hat mich in meinem Leben geprägt: Die Leidenschaft meines Großvaters, wenn es um seinen Glauben ging. Wie entschlossen und konsequent er sich verhielt, wenn er entscheidende Weichen in seinem Leben zu stellen hatte. Und die Fähigkeit meiner Oma zuzuhören. Ich glaube, das Menschen, die vom Glauben reden, nichts dringender brauchen als offene Ohren und offene Augen für ihre Mitmenschen.

Zwei Dinge, die mir besonders am Herzen liegen
Ein kluger Kritiker der christlichen Verkündigung hat einmal gesagt: »Wir tun so. als betrieben wir Fischfang. Aber das äußerste, was uns gelingt, ist die Pflege längst gefangener Fische.« Predigen wir also denen, die sowieso schon überzeugt sind? Damit will ich mich nicht zufrieden geben. Ich bin fest davon überzeugt, dass die christliche Botschaft auch denen viel geben kann, die ein kritisches Verhältnis zum Glauben und zur Kirche haben. Deshalb bin ich froh, dass ich im Radio auch zu Menschen sprechen kann, die nicht unbedingt zum inneren Kreis einer christlichen Gemeinde gehören. Denn hier bin ich gezwungen, so von Gott und dem Leben zu sprechen, dass es den Alltag der Menschen trifft und Bodenhaftung behält.

Und: Erfahrungen in meinem Leben – gerade auch die schweren – sagen mir: Es gelingt meistens nicht, erschöpfende Antworten auf die entscheidenden Lebensfragen zu geben. Etwa: Hat Gott diese Katastrophe gewollt? Wenn nicht, warum hat er sie nicht verhindert? Wer will hier endgültige Antworten geben? Ich bin überzeugt: Häufig ist schon viel gewonnen, solidarisch zu sein in unseren Fragen, unseren Klagen und in unserer Hoffnung.

Wo ich gerade stehe
Nach vielen Jahren im Pfarrberuf mit vielen Stationen in Gemeinde, Universität, Rundfunk und kirchlicher Ausbildung bin ich seit einiger Zeit im Ruhestand. Das heißt nicht nur ausatmen und ausruhen sondern stellt auch vor neue Aufgaben: Wie kriegen meine Frau und ich es hin, die Seele baumeln zu lassen und uns gleichzeitig für wichtige Dinge zu engagieren? Oder ganz banal: Die Pflege des Gartens und die Lust zu reisen, wie passt das zusammen? Wir arbeiten daran.

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